Innovation: dem Zufall Tor und Tür öffnen

Max Moritz Warburg, einer der angesehensten Hamburger Bankiers der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts soll gesagt haben:
„Großen Wert würde ich darauf legen, dass nachgewiesen wird, wieviel der Zufall bei der Entwicklung eines (…) Geschäfts mitspielt und wieweit überhaupt die wirtschaftliche Entwicklung viel mehr Zufälligkeiten, Selbstentwicklungen zuzuschreiben ist als der zielbewussten Arbeit eines Einzelnen. Durch die Arbeit sollte ein gewisses Gefühl der Ehrfurcht vor diesen Selbstentwicklungen gehen, denn die meisten Menschen leiden an Selbstüberschätzung, und namentlich die Bankdirektoren, wenn sie ihre Jahresberichte meisten 3 bis 6 Monate nach Schluss der vorherigen Jahres schreiben, legen nachträglich in ihre Aktionen eine Voraussehung, die in Wirklichkeit nie vorhanden gewesen ist.“ (Quelle: bankstil.de )

Diese Forderung scheint immer noch aktuell und hat im Zeitalter der Digitalisierung an Gewicht gewonnen. Komplexität, Schnelligkeit, Unübersichtlichkeit, die die Digitalisierung mit sich bringt, fordern auch Räume, in denen Zufall und Selbstentwicklung ihr Recht bekommen. Ausschließlich mit klassischen, starren, hierarchischen Strukturen ist den Problemen der Wirtschaft nicht beizukommen. Es stellt sich die Frage: Wie kann sich ein Unternehmen so organisieren, dass es für Zufälle und „Selbstentwicklungen“ offen ist?

Große Entdeckungen sind auch in der Vergangenheit außerhalb von Labors und Büros gemacht worden. Noch vor ein paar Wochen ging wieder ein Beispiel durch die Medien: Eine spanische Wissenschaftlerin entdeckte, dass die Maden einer Raupe namens „Große Wachsmotte“ den Kunststoff Polyethylen (PE) fressen, der sonst biologisch nur schwer abbaubar ist. Die Entdeckung gelang durch einen Zufall. Die Biologin der Universidad de Cantabria  im nordspanischen Santander betätigt sich gern als Hobby-Imkerin. Dabei säuberte sie einen Bienenstock von Maden und sammelte sie in einer Plastiktüte. Als sie nach einer Weile die Tüte in den Müll werfen wollte, hatten sich die Maden aus ihrem Plastikgefängnis befreit. Die Tüte war durchlöchert. Gut, dass die Hobby-Imkerin das Potenzial dieses Zufallfundes erkannte. Der Appetit der Motte auf unseren Plastikmüll könnte viele Probleme lösen. Wer es schafft aus dieser Entdeckung ein Produkt zu entwickeln, wird ein Riesengeschäft machen.
Ich frage mich, wie häufig es vorkommt, dass ein Mensch irgendetwas beobachtet und daraus keine Schlüsse zieht, keine Idee hat, nichts entdeckt? Wahrscheinlich sehr oft. Können wir etwas tun, um diesen zufälligen Ideen, Entdeckungen und „Selbstentwicklungen“ auf die Sprünge zu helfen?

Sicher fördern wir sie nicht, wenn wir fünf Tage die Woche von 8-17 Uhr am Schreibtisch sitzen, zugewiesene Aufgaben abarbeiten und dann schnell nach Hause fahren, um möglichst bis zum nächsten Morgen nicht mehr an den Job zu denken. Vermutlich wird es eher förderlich sein, wenn sich Menschen aus eigenem Antrieb mit einen Thema beschäftigen, wenn sie begeistert sind. Dazu brauchen Unternehmen, die dieses Zufallspotenzial nutzen wollen, Räume, die Ideen fördern. Das können Räume sein, die auch zum Spielen oder Nichtstun einladen. Eine Pause zu machen, darf nicht negativ gewertet werden. Das ist sicher schwer zu organisieren. Denn es geht ja nicht darum auf der faulen Haut zu liegen und dafür sein Gehalt zu kassieren, sondern es geht um die Frage, wie man als Unternehmen, dem Zufall die Türen öffnen kann, damit Mitarbeiter wertvolle Entdeckungen machen können. Denn Innovation entsteht häufig durch Zufall. Und Digitalisierung fordert ständig Innovation.

 

Kreativität: Vertrauen, Team und Zufall

Kreativität steht in der Wirtschaft hoch im Kurs. Viele Chefs wünschen sich kreative Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die Probleme angehen, eigenverantwortlich neue Lösungen finden und mit guten Ideen das Unternehmen voranbringen. Daher schreiben fast alle Unternehmen in ihre Stellenangebote, dass sie kreative Menschen suchen. Gleichzeitig entstehen allerorten sogenannte Innovationslabore, in denen ausgewählte Team ihrer Kreativität freien Lauf lassen dürfen.  Die Unternehmen reagieren damit auf die zunehmende Komplexität der Produkte und Services und die Schnelligkeit, mit der sich die Kundenbedürfnisse im digitalen Zeitalter ändern. Sie wissen, wer sich nicht schnell und immer wieder ändert, anpasst oder neu erfindet, geht das Risiko ein, morgen vom Markt gefegt zu werden und an der digitalen Transformation zu scheitern.

Trotzdem wissen die wenigsten Unternehmen genau, welchen Weg sie beschreiten sollen. Im Grunde sind sie ratlos. Und so hört man aus dem Management den beliebten Satz: „Da brauchen wir mal eine kreative Lösung.“ Im Klartext bedeutet das: „Mit den herkömmlichen und bekannten Methoden und Lösungen kommen wir nicht weiter. Wir brauchen etwas Neues – was wissen wir aber auch nicht genau.“ Und so treffen sich alle in Laboren und werden kreativ. Aber was ist Kreativität eigentlich?

Neues erschaffen

Chaos führt zu Kreativität

Kreativität ist die Fähigkeit, etwas Neues zu erschaffen, das bisher nicht vorhanden und das gleichzeitig einzigartig und beständig ist. Kreativ zu sein bedeutet schöpferisch zu sein. Dieses Schöpferische hat unsere Gesellschaft aber bisher den Tätigkeiten in künstlerischen Bereichen zugeschrieben. Allenfalls in den Medien oder im Kunsthandwerk war in der Vergangenheit Kreativität gefragt. In allen anderen Branchen gibt es wenig Erfahrung mit Kreativität.

Vor allem stellen sich zwei Fragen: Wie und in welchem Umfang ermöglichen wir Kreativität? Und wie nutzen wir unsere Kreativität so, dass hinterher das Unternehmen auch etwas davon hat?

Räume und Zeit für den Zufall organisieren

Leider sind kreative Prozesse nicht auf Knopfdruck in Gang zu setzen. Es gibt aber einige Rahmenbedingungen, die es wahrscheinlicher machen, dass Menschen kreativ werden. Dazu gehört – neben vielen anderen Aspekten – zu allererst Vertrauen in Kollegen und Vorgesetzte und die Sicherheit zum Beispiel für wilde Ideen nicht ausgelacht zu werden. Ein guter Nährboden für Kreativität ist auch der Austausch mit Kollegen über die Fach- und Abteilungsgrenzen hinaus. Hochkompetente Experten können zwar auch allein kreativ sein, brauchen aber häufig den Blick und die Anregung von außen, um nicht nur Verbesserungen zu entwickeln, sondern neue Lösungen zu schaffen. Außerdem benötigt Kreativität Zeit. Wer kreativ sein soll, braucht die Zeit, um etwas auszuprobieren, was auf den ersten Blick vielleicht keinen Sinn hat. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen Zeit haben, um herum zu probieren, müssen offen sein für Möglichkeiten.

Der Zufall darf eine Rolle spielen: Der englische Arzt Alexander Fleming hatte 1928 vor den Sommerferien eine Petrischale mit Bakterien versetzt und zur Seite gestellt. Bei seiner Rückkehr aus dem Urlaub entdeckte er, dass auf dem Nährboden ein Schimmelpilz wuchs und sich in der Nachbarschaft des Pilzes die Bakterien nicht vermehrt hatten. Obwohl Fleming nicht danach gesucht hatte, hatte er per Zufall das Penicillin entdeckt – eines der bedeutendsten Medikamente überhaupt.

Unternehmen, die sich immer wieder neu erfinden müssen und wollen, sollten daher Rahmenbedingungen schaffen, in denen die Kollegen nicht zielgerichtet auf ein klar definiertes Ziel hinarbeiten müssen, sondern auf den Zufall spekulieren und vertrauen dürfen. Die besten Ideen entstehen, wenn man loslässt, Abstand gewinnt und über die gestellte Aufgabe nicht mehr nachdenkt. Viele Menschen haben deshalb oft unter der Dusche gute Ideen. Daher ist es kein Zufall, dass im Moment so viele Kreativ- und Innovationslabore entstehen. Sie schaffen meist gute Bedingungen für Kreativität. Diese Labore simulieren eine entspannte Dusche.

Design Thinking kanalisiert Kreativität

Kreativität kann in der Wirtschaft kein Selbstzweck sein. Unternehmen sind keine Künstler, sondern wollen Produkte und Dienstleistungen verkaufen. Damit muss im Mittelpunkt aller Kreativität und aller neuen Ideen der Kunde stehen. Er muss am Ende von dem neuen Produkt oder Service begeistert sein und Geld dafür ausgeben.

Die beiden Aspekte Kreativität und Kundenorientierung vereint zum Beispiel die Innovationsmethode „Design Thinking“. Eine neue Lösung ist im Design Thinking nur dann eine Innovation wenn sie nicht nur technisch umsetzbar und wirtschaftlich sinnvoll ist, sondern vor allem ein menschliches Bedürfnis befriedigt. Das bedeutet: Alle schöpferische Energie läuft ins Leere, wenn wir nicht vom Kunden her denken und ihn in den Mittelpunkt unserer Kreativität stellen. Deshalb arbeiten viele Unternehmen in ihren Laboren mit Design Thinking.