Design Writing: Methoden des Design Thinkings für kreatives Schreiben nutzen

Ich habe schon einige Menschen auf Reisen geschickt: Chris, Petra und besonders gerne auch Julia. Chris, Petra und Julia sind Personas – fiktive Menschen -, die ich für diverse Design-Thinking-Sessions mitkonstruiert habe. Diese fiktiven Menschen haben wir dann auf Kundenreisen (Customer Journey) geschickt, um zu sehen, wo diese Kunden gute oder schlechte Erlebnisse haben. Das Ziel ist natürlich, das Kundenerlebnis zu verbessern.

Letztlich erzählt man mit einer Customer Journey eine Geschichte, wie es einem Kunden im Laden, in der Bank, im Online-Shop ergeht, um Verbesserungen vornehmen zu können. Jedes Mal, wenn ich so eine Reise entwerfe, frage ich mich: Warum soll ich auf diese Weise nicht auch spannende fiktive Geschichten erzählen können? Zum Beispiel die Grundlage für einen Roman oder ein Drehbuch schaffen?

Die Challenge

Entwerft einen Creative Writing Workshop, der Elemente des Design Thinkings und vor allem Personas und Kundenreisen nutzt, um schnell und in der Gruppe eine Geschichte zu erzählen und zu schreiben.

Der Workshop

Ich habe schon länger über solch einen Workshop nachgedacht. So könnte es funktionieren:

Der Workshop dauert in meiner Vorstellung vier Tage: zwei Tage konstruiert das Workshop-Team die Geschichte, an den beiden anderen Tagen schreibt jeder individuell auf Grundlage der ersten beiden Tage seinen Roman, seine Kurzgeschichte, sein Drehbuch oder was auch immer. Wenn man sich zum Beispiel einen Roman vornimmt, wird man natürlich nach den vier Tagen kein fertiges Manuskript haben, aber ein Rohmanuskript wird machbar sein. Es werden vier sehr (arbeits)intensive Tage sein.

Um die Vielfalt der Möglichkeiten zu reduzieren und so die Zeitvorgaben einhalten zu können, muss man vorher ein Genre festlegen. Ich entscheide mich für eine Liebesgeschichte. So eine Geschichte lässt sich vermutlich im Team auch gut konstruieren, weil mit diesem Thema jeder Erfahrungen hat. Als Vorlage eignet sich die Geschichte von Romeo und Julia.

Die Teamarbeit

Während der ersten beiden Workshop-Tage konstruieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam eine neue, moderne, individuelle Romeo-und Julia-Geschichte. Es entsteht also noch kein Text. Sie beginnen damit die Figuren (Persona) zu erschaffen und lassen sie dann aufeinandertreffen. Dazu führen sie keine Interviews, machen keine Feldforschung wie im Design Thinking. Denn um einen belletristischen Text zu schreiben braucht man diese Art der Kundenorientierung nicht. Die Figuren erfindet das Team daher frei. Es ist nur klar: Sie brauchen einen Romeo, eine Julia, etc.. ich bin gespannt, ob das funktioniert: Autoren sind gewohnt alleine zu arbeiten, schreiben ist normalerweise eine einsame Arbeit. Mit diesem Workshop nicht mehr.

Das Team hat maximal sechs Mitglieder und erschafft nicht nur die Personen, sondern auch die Orte und die Handlung. In jedem Arbeitsschritt müssen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einigen: Wie heißt unsere Julia? Wie alt ist sie? Wo wohnt sie? In der Großstadt? In Italien, Deuschland? Ein kreativer Kraftakt in der Gruppe, der eine starke Dynamik freisetzt und Offenheit und Spaß am Austausch voraussetzt. Ideen ergänzen sich und bauen aufeinander auf.  Jede Idee gehört allen Gruppenmitgliedern. Es werden keine Computer eingesetzt, sondern Klebezettel (Post its), die in an die Wände geheftet und dort strukturiert, umhängt und neu sortiert werden.

Um das alles in zwei Tagen zu schaffen, muss es Vorlagen (Templates) geben, in die das Team während des Workshops hineinarbeitet. Ein Template für Julia (Alter, Haarfarbe, Charakter, Eltern, etc.), ein Template für den Ort (Stadt, Wohnung, Garten, Öffentlicher Park, etc.) und ein Template für die Handlung (dieses Template gibt die klassischen Fünf-Akte-Struktur vor). Und natürlich noch einige andere Templates.

Für jeden Arbeitsschritt werden strenge Zeitfenster gesetzt (Timeboxing), im Zweifel wird auf Perfektion verzichtet. Das ist beim Design Thinking selbstverständlich, aber auch das wird für Autoren ungewöhnlich sein. Am Ende der beiden Workshoptage steht der Ablauf der Geschichte an den Wänden. Alle Templates sind mit Klebezetteln (oder anderen Materialien) befüllt. Zum Schluss erhält jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer ein Fotoprotokoll. Darin steht die neu Romeo-und-Julia-Geschichte.

Die individuelle Arbeit

An den beiden folgenden Tagen (Tag 3 und Tag 4) beginnt die individuelle Schreibarbeit. Jeder hat nun alleine Zeit die konstruierte Geschichte zu niederzuschreiben (mit Computer :-))). Es ist nun eine einsame  Entscheidung: Wird es eine Novelle, ein Roman, ein Drehbuch? Erzählt jemand aus Julias oder Romeos Perspektive? Und natürlich bleibt es jedem Teilnhemer unbenommen, die in den vergangen Tagen erarbeitete Geschichte nochmal zu verändern. Unterbrochen wird die individuelle Schreibarbeit durch die Möglichkeit den schon geschriebenen Text vorzutragen und konstruktives Feedback von der Gruppe zu bekommen.

Wer hat Lust an so einem Workshop miotzuarbeiten? Als Vorbereiter oder als Teilnehmer? Mir sind alle willkommen. Vielleicht finden sich genug Leute für so ein Experiment. Ich freue mich auf jeden Fall über jedes Feedback. Auch hier im Blog.

Und eine Namen für die Methode habe ich auch schon: Design Writing. Und das allerbeste: Design Writing eignet sich für jeden. Man muss nur Lust auf Teamarbeit und Kreativität haben. Es sind nicht nur interessierte Autoren gesucht.

 

 

Drei Lesetipps – Nr. 2

Unternehmen brauchen mehr als ein paar Design Thinking Schulungen

http://futurice.com/blog/design-thinking-is-dead-long-live-innovation

Ein paar Design-Thinking-Schulungen hier, ein Workshop dort und schon ist das Unternehmen kreativer, innovativer und flexibler und den Anforderungen der digitalen Transformation gewachsen? Das funktioniert leider nicht. Unternehmen brauchen neben Schulungen:

  • die richtigen Werkzeuge
  • Verzicht auf Perfektion
  • Leute mit Macherqualitäten
  • neue Systeme, um Innovation zu bewerten.

Lesenswerter Beitrag.

Schnelles Feedback gehört zum Design Thinking

http://www.horsesforsources.com/blog/barbra-mcgann/design-thinking-exercise_042817#sthash.r0FrHtDZ.dpuf

Das ehrlichste und damit wertvollste Feedback erhält man von Menschen während sie noch dabei sind etwas zu tun oder es eben gerade beendet haben. Daher ist es gut, wenn man sich sofort nach einem Meeting oder Workshop gegenseitig Feedback gibt. So können alle lernen. Wie das funktionieren kann, beschreibt der Artikel. Einfach mal ausprobieren.

Philosoph macht Druck

http://www.deutschlandfunk.de/die-zukunft-der-arbeit-wir-dekorieren-auf-der-titanic-die.911.de.html?dram:article_id=385022

“Wir dekorieren auf der Titanic die Liegestühle um”, so lautet die Überschrift zu einem Interview, das der Deutschlandfunk mit dem Philosophen Richard David Precht geführt hat. Precht hält die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt und unsere Gesellschaft für gravierender als wir uns das im Moment eingestehen. Warum gibt es keine breite gesellschaftliche Debatte, wie wir die Zukunft im Zeitalter der Digitalisierung gestalten wollen? Nur Liegestühle umstellen reicht nicht, wir müssen die Titanic vor dem Untergang bewahren. Let`s do it.